Samstag, 23 Sep 2017
 
 
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Karla Peijs

Koordinatorin der Europäischen Kommission für Wasserwege

Eine konsequente Integration der europäischen Wasserwege ist Priorität des 21. Jahrhunderts

Karla Peijs

Die Europäische Kommission widmet ein außergewöhnliches Augenmerk einer ausgewogenen Entwicklung im gesamten Verkehrssystem. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Binnenschifffahrt. Im Allgemeinen gilt die Binnenschifffahrt als ein wirtschaftlicher, sicherer und verlässlicher Verkehrszweig. Dies kommt vor allem beim Transport von Containern und Gefahrgut zum Ausdruck. Gegenwärtig werden diesen Vorteilen auch die hohe Verkehrskapazität der Wasserwege und die Tatsache, dass es auf Binnenwasserwegen zu keinen Staus kommt, hinzugezählt. Sie tragen deshalb aktiv zur Entlastung von Straßen und – in einigen Fällen – letztendlich auch der Eisenbahn bei. Für eine Verkehrsverlagerung auf die Wasserwege sprechen aber nicht nur wirtschaftliche Gründe, sondern auch der Bedarf zum Umweltschutz. Binnenschiffe produzieren – im Vergleich mit Lastkraftwagen – weniger Schadstoffe und Lärm. Außerdem ist die Unfallzahl deutlich niedriger. Sehr wichtig ist auch der Erholungswert auf Wasserwegen.

Gemeinsam mit meinen französischen und belgischen Kollegen setze ich mich resolut für eine schnelle Fertigstellung des Kanals Seine-Schelde ein. Er ist Teil der Transeuropäischen Verkehrsnetze (TEN-T). Dieses Projekt erschafft im Laufe der kommenden Jahre erstklassige Verbindungen auf Wasserwegen, welche die Verlagerung von Gütern von den überlasteten Straßen und Autobahnen zwischen Paris-Brüssel-Antwerpen-Rotterdam, ermöglichen. Es wird ein Transport von etwa 30 Mio. t pro Jahr auf dem neuen Wasserweg erwartet.

Hier muss ich jedoch noch unterstreichen, dass sehr interessante Entwicklungsmöglichkeiten dieses Verkehrszweiges auch in Mittel- und Osteuropa existieren, ihre Nutzung aber vollkommen unzureichend ist. Ich denke, dass für eine adäquate Nutzung der fast unbegrenzten Kapazität auf der Donau in entscheidendem Maße die direkte und möglichst kürzeste Anbindung dieses Flusses an bedeutende Quell- und Zielmärkte in Mitteleuropa sein sollte, darunter sind Oberschlesien, das Gebiet um Berlin und die Meereshäfen in Stettin, Bremen und Hamburg. In sehr aktiver Weise führt eine solche Anbindung zur benötigten Integration des Netzes in Mittel- und Osteuropa.

Ich glaube auch, dass das Projekt Wasserkorridor D-O-E eine ähnliche Bedeutung für den genannten Kanal Seine-Schelde hat. Es wäre daher vernünftig, schon gegenwärtig mit einer entsprechenden Vorbereitung dieses Vorhabens zu beginnen und damit seine Realisierung in möglichst kürzester Zeit zu sichern. Auf dieser Art und Weise könnte eine durchdachte und kontinuierliche Entwicklung des Wasserstraßennetzes der EU, unter völliger Respektierung von Anforderungen zur Umweltverbesserung im betroffenen Gebiet, gesichert sein.

 

Jiří Lajtoch

Senator und Oberbürgermeister der statutarischen Stadt Přerov  Jiří Lajtoch

Der Stadtrat unterstützt den Wasserkorridor D-O-E. Er ist eine der Entwicklungsvisionen dieser Stadt. Die Stadt baut in ihrem Entwicklungsgebiet auf den vorteilhaften Verkehrsstandort. Sie möchte Straße, Schiene, Flugzeug und Wasserverkehr verbinden. Der Kanal D-O-E ist im Gebietsplan der Stadt eingetragen. Im Falle seines Baus, würde die Stadt Přerov an Bedeutung hinzugewinnen.

Zur realen Erfüllung der angeführten Vision haben wir noch eine Menge Arbeit. Verschiedene Bewertungen und Analysen müssen durchgeführt werden. Eine definitive Entscheidung im angemessenen Zeithorizont ist unumgänglich, denn die Stadt Přerov baut auf ihre weitere Entwicklung durch eine qualitative Verkehrsinfrastruktur. Ich glaube, der mährische Teil des Projekts Donau-Oder, ist nicht so finanziell anspruchsvoll und könnte durch europäische Quellen kofinanziert werden. Ein Logistikzentrum in Přerov wäre in Mitteleuropa wirklich einzigartig.

Kurz gesagt: ich glaube an die Realisierung dieses Wasserweges.

 

Martin Kolařík

Vertreter der Stadt Přerov (2006-2010, Stellvertretender Vorsitzender des Regionalrates der Grüne Partei)

Martin KolaříkIn Zusammenhang mit dem Projekt „Wasserkorridor Donau-Oder-Elbe“ gibt es verschiedene Vergleiche zwischen den Verkehrsträgern, nämlich Straßen- und Eisenbahnverkehr auf der einen und dem Verkehr auf Binnenwasserstraßen auf der anderen Seite. Zwar werden Wirtschaftlichkeit, Transportkapazitäten und auch andere Kriterien verglichen, jedoch wird sehr oft ein grundliegender Unterschied vergessen, der für mich ökologisch denkenden Mensch, erheblich ist. Stellen Sie sich doch bitte einmal eine internationale Fernverkehrsstraße oder eine Eisenbahnstrecke vor. Auf diesen Verkehrsachsen herrscht, außer Lärm und Schmutz, der Tod. Es ist dabei ganz egal, ob Sie sich gerade die Frühjahrs-, die Sommer- oder die Winterzeit vorstellen – alle Organismen, welche in diesem Raum zu leben versuchen, werden angefahren, erdrückt und vernichtet. Straße oder Schiene sind beide aus totem Material gemacht und geben dem Leben keine Chance. Straße und Schiene versetzen der Landschaft Narben, welche das Leben in ihrer Umgebung dauerhaft negativ beeinflussen.

Möchte jemand von Ihnen ein Familienhaus mit Garten an der Straße oder an der Bahn haben?

Bei Wasserstraßen verhält es sich ganz anders. Wasser ist eine lebensgebende Flüssigkeit. Verkehrswege auf ihnen und ihre Umgebung bleiben auch bei großer Belastung immer Lebensraum für viele Lebewesen und Pflanzen und sind geeignet für Erholung oder Anglersport. Wasserverkehrswege sind ein sich selbst wieder herstellender lebender Organismus mit weiteren Funktionen als nur Verkehr. Immobilien in ihrer Nähe gewinnen an Wert.

Im Unterschied zu Straße und Schiene können Wasserkorridore so gebaut werden, dass ökologisch förderliche Funktionen maximal herausgehoben und ungünstige Einflüsse durch Bau und Betrieb auf ein Minimum gesenkt werden. Bauerfahrungen moderner Wasserwege in Westeuropa zeigen, dass die positiven Einflüsse auf die Umwelt gegenüber den negativen bedeutend überwiegen. Seichte Uferzonen, Badeseen, wiederbelebte Seitenarme und erneuerte Auenwälder und Uferbepflanzungen schaffen neue Lebensräume für Vögel, Wasserlebewesen und Menschen. Sie werden Orte für Aktivurlaub, Radtourismus und Erholung.

Werden Wasserwege gefühlvoll in die Landschaft eingebaut, sind sie ein lebender Organismus ähnlich Bäumen. Über die Wichtigkeit von Bäumen für Umwelt und Mensch müssen wir uns hier vielleicht nicht unterhalten. Genau wie sie spenden Wasserwege Feuchtigkeit, sind Orte der Erholung, liefern Baumaterialien, Energie, sind Zufluchtsort für Tiere und Pflanzen und regeln die Wärme in ihrer Umgebung. Sie helfen extreme klimatische Schwankungen zu dämpfen.

Denken Sie immer noch, dass man Wasserwege als nichtökologisch und als eine für die Umwelt schlechtere Verkehrsvariante als zum Beispiel die Eisenbahn bezeichnen muss?

Aus oben aufgeführten Gründen unterstütze ich das Projekt „Wasserkorridor Donau-Oder-Elbe“, so wie es im Buch „Kreuzung dreier Meere“ dargestellt ist. Auch in Zukunft werde ich mich zu überwachen bemühen, dass es maximal umweltverträglich ist und seine Möglichkeiten zugunsten von Mensch und Umwelt nutzt.